2025 Sondervermögen

  • „Sondervermögen”

    Der Ausdruck Sondervermögen ist seit einigen Jahren im gesellschaftlichen Diskurs präsent. Im Jahr 2025 wurde er im öffentlich-politischen Sprachgebrauch vermehrt verwendet und prägte sehr deutlich die politischen Debatten über Staatsverschuldung und Investitionsprogramme.

    Sondervermögen setzt sich aus den Wortteilen sonder und Vermögen zusammen. Unter Vermögen ist eine große Menge an Eigentum (Geld, Sachwerte etc.) zu verstehen. Das Wortbildungselement sonder bedeutet, dass etwas nicht dem Üblichen entspricht, sondern außergewöhnlich ist. Im Alltagssprachgebrauch wird unter Sondervermögen eine spezielle Menge an Eigentum verstanden, die von einem Gesamtvermögen abgetrennt ist und einen eigenen Stellenwert einnimmt. Der Ausdruck stammt ursprünglich aus der wirtschaftlichen und juristischen Fachsprache, u.a. kommt er im GG in Art 110, Abs. 1 vor. Im Fachdiskurs über den Staatshaushalt wird mit Sondervermögen ein sogenannter Nebenhaushalt bezeichnet, der zur Erfüllung bestimmter Aufgaben eingerichtet wird und mit der Aufnahme von Schulden oder einer Kreditermächtigung verbunden ist. Der Gebrauch dieses verwaltungstechnischen Ausdrucks hat sich im öffentlichen Diskurs verselbständigt. Er richtet sich in Debatten über politische Maßnahmen an alle Bürger:innen. Viele von ihnen sind jedoch nicht mit der administrativen Spezialbedeutung vertraut und orientieren sich an der Alltagsbedeutung. Durch diese Diskrepanz tritt die irreführende euphemistische Bedeutung des Wortes deutlich in den Vordergrund. Der Gebrauch des Technizismus in der öffentlichen Kommunikation verdeckt, was mit ihm gemeint ist: die Aufnahme von Schulden.

    Die Jury kritisiert diesen Gebrauch, weil durch ihn Tatsachen verschleiert werden und wegen seiner manipulativen Wirkung. Dadurch werden demokratische Debatten über die Notwendigkeit der Schuldenaufnahme unterminiert: Verständlichkeit und Aufrichtigkeit werden hinsichtlich der aufgenommenen Schulden vermieden. Wo politische Kommunikation alle Bürger:innen betrifft, ist das sprachkritische Einmahnen von Klarheit und Angemessenheit in der Sprache diskursethisch geboten.

 

Lotte Bräuning

„Der Verrat der Worte | Der Schlüssel der Träume”

„Sondervermögen“, ein Unwort so paradox und manipulativ, dass es zum Nachdenken über Sprache und Wirkung  geradezu einlädt.

Wenn wir Worte aus dem gewohnten Kontext reißen und ihnen eine zweite, nicht allgemein bekannte Bedeutung geben, wie verändert das unsere Wirklichkeit?  Wie die der nicht Eingeweihten? Teilen wir noch eine Realität? Sprache kann verbinden, aber, auf manipulative Weise genutzt, auch spalten, ausschließen und bevormunden.

Gegen Ende der 1920er Jahre beschäftigte sich der surrealistische Maler René Magritte intensiv mit der Beziehung zwischen Objekt, Bezeichnung und Repräsentation. Seine Werke „La trahison des images“ und „Clé des songes“ nutze ich als Ausgangspunkt für meine eigene Interpretation des Sondervermögens.

 

 

Stefan Daub

„Zentrale Lage | Abseits vom Trubel“


Standardformulierungen, die vertraut klingen und beinahe neutral wirken – und doch Entscheidungen in Sprache sind. Sie lenken Wahrnehmung, ohne die Fakten zu bestreiten.

Euphemismen sind kein Ausnahmefall, sondern Routine. Sie können glätten und aufwerten, ausweichen und verschieben – bis hin zur Neuverteilung von Verantwortung. Ein Defizit erscheint als Perspektive, eine Belastung als Qualität, eine Schuld als „Vermögen“. Das Wort leugnet nichts – es rahmt und verschiebt Gewicht, Verantwortung und Folgen, oft in die Zukunft.

Im Privaten können Euphemismen Rücksicht und Deeskalation sein. In Politik und Wirtschaft sind sie meist Strategie – und als solche zu kritisieren, nicht zu entschuldigen. Bei „Sondervermögen“ erscheint mir diese Mechanik jedoch so etabliert, dass sie nicht mehr wirklich überraschen sollte. Genau deshalb wirkt das Etikett „Unwort“ auf mich hier weniger wie Aufklärung als wie ein eigenes Framing.

Eine sprachliche Nullposition gibt es nicht – auch Kritik setzt einen Rahmen. Dasselbe gilt für Bilder: Auch Fotografie zeigt nicht einfach – sie sagt, indem sie abbildet. Ausschnitt, Perspektive, Licht und Moment sind Setzungen; was außerhalb liegt, bleibt unsichtbar.

Die Motive sind bewusst unspektakulär. Ihre Banalität ist Methode: Das Unauffällige entzieht sich der Aufmerksamkeit – in Bildern wie in Sprache. So stehen die Immobilienbegriffe exemplarisch für sprachliche Gewichtung. Die Fotografien antworten darauf nicht mit Erklärung, sondern mit Form: Jeder Rahmen ist bereits eine Setzung.

 

 

Jens Mangelsen

„2024 | 2025”

 

 

Nouki

Bild 1: Lars Klingbeil, Finanzminister und Vizekanzler (SPD)

Der zuständige Minister, der das Sondervermögen bzw. die Verschuldung der zukünftigen Generationen umsetzt.

Zitat: „Auch wenn immer wieder von zusätzlichen Schulden gesprochen wird, sind es erstmal Investitionen in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.“ 11/2025

Lars Klingbeil setzt sich für eine gerechte und zukunftsorientierte Nutzung des Sondervermögens von 500 Milliarden Euro ein. Der Effekt wird in der Zukunft zu bewerten sein.


Bild 2: Lucienne Rainaud (105) und Phina Ehlers (25)

Urgroßmutter und Urenkelin, stellvertretend für die betroffenen Generationen. Sie stehen für eine andere Bedeutung des Wortes Sondervermögen. Denn Vermögen bezieht sich nicht nur auf finanzielle Werte, sondern bezeichnet auch die Fähigkeit, etwas zu tun und bewirken zu können: Sondervermögen als die Fähigkeit, miteinander Lösungen zu finden.

Die Neuverschuldung der zukünftigen Generationen muss auch zum Wohle dieser geschehen – ohne parteipolitische Interessen, Lobbyismus und kurzsichtige Planungen zum Ausbau und Erhalt der Infrastrukturen und der innovativen Wettbewerbsfähigkeit dieses Landes.

Die meisten Diskussionen zu diesem Thema sind von Polarisierung und parteistrategischer Positionierung geprägt. Das bewirkt, dass die verschiedenen Generationen unseres Landes nicht in ein Miteinander, sondern in ein Gegeneinander manövriert werden. Politiker schwingen sich zu flammenden Vertreter*innen der einen oder anderen Generation auf und deuten Kompromissbereitschaft ausschließlich als Schwäche und nicht als lösungsorientierte Stärke. Diese Probleme werden wir jedoch nur gemeinsam und mit Kompromissen lösen.


Definition Vermögen

Quelle DUDEN Verlag

1. Kraft, Fähigkeit, etwas zu tun

Gebrauch – gehoben

Grammatik – ohne Plural


Beispiele

- ihr Vermögen, jemanden zu beeinflussen, ist groß

- soviel in meinem Vermögen liegt (in meiner Macht steht), will ich mich dafür einsetzen

- etwas nach besten Vermögen (so gut wie irgend möglich) regeln

 

 

Jens Steingässer

Jens Steingässer

Sind Sondervermögen - also Schulden zu Lasten der nachfolgenden Generationen - nicht vergleichbar mit Diebstahl an den Ressourcen der Zukunft? Umso wichtiger erscheint es mir, meine nachfolgende Generation zu Wort (und Bild) kommen zu lassen.

„Paula, was kommt Dir beim Wort „Sondervermögen“ in den Sinn?“

 

Paula Steingäßer

Karussel am Strand:

Sand ist ein natürlich vorkommendes, unverfestigtes Sediment, das sich überwiegend aus Mineralkörnern mit einer Korngröße von 0,063 bis 2 Millimeter zusammensetzt. (Quelle: Wikipedia)

Sand ist leicht bearbeitbar, aber nicht bindig. Er speichert Wärme schlecht und trocknet schnell aus. Sand trägt Erinnerungen an Urlaube und Karusselle, aber keine Fundamente oder Gesellschaften.

Was trägt? Was trägt eine Demokratie? 

Kommunikation
Ehrlichkeit
Wertschätzung
Offenheit
Verantwortung
Weitblick
Teilhabe

 

 

Stella Weiß

Worte sind nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern können auch strategisch eingesetzt werden. So klingt „Sondervermögen” zwar nach Besitz, bezeichnet jedoch staatliche Verschuldung. 

Ein randvolles, beinahe überlaufendes Glas mit einem durch das Wasser verzerrten Geldschein markiert eine fragile Grenze. Der scheinbar konkrete Wert wird durch die Wasseroberfläche optisch verschoben und verliert dabei seine Klarheit. Die unscharfe, verfremdete Darstellung des Bundestags macht deutlich, wie politische Akteure bewusst mit unklarer, verschleiernder Sprache operieren. Durch die Gegenüberstellung der Bilder soll auf sprachliche Unschärfe in der Politik verwiesen werden, die nicht nur die Wahrnehmung verändert, sondern auch den Blick auf politische Entscheidungen trübt. Sie verweisen auf eine Verschiebung von Bedeutung, bei der Schulden wie Vermögen erscheinen. 

So eröffnen die Motive wechselseitige Interpretationsräume. Zwischen Wasseroberfläche und architektonischer Silhouette entsteht eine Spannung, in der sich Werte, Verantwortung und politische Wirklichkeit kritisch diskutieren lassen.

 

 

Andreas Zierhut

„Memento mori“

Es sieht aus wie ein reich gedeckter Tisch, unser Sondervermögen. Man muss aber nicht mal so genau hinschauen, um zu sehen, dass daran etwas faul ist.  Auch unsere Demokratie ist - oder war? – so ein reich gedeckter Tisch. Lasst uns gut darauf Acht geben.