Idee, die

Darmstädter Fotograf*innen zeigen persönliche Ansichten zum Unwort des Jahres

Seit 2004 übersetzen wir das „Unwort des Jahres“ in eine Ausstellung, die sich mit dem jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Thema auseinandersetzt. Das Unwort wird – rückwirkend für das Vorjahr – von einer unabhängigen Jury aus Sprachwissenschaftler:innen und Journalist:innen gewählt und im Januar bekannt gegeben. So erhalten wir jedes Jahr das Thema für diese freie künstlerische Arbeit.

In diesem Jahr freuen wir uns besonders über zwei Gäste:

Stella Weiß und Lotte Bräuning. Mit ihnen öffnen wir unseren Kreis und binden neben der Fotografie auch eine weitere künstlerische Disziplin ein, die Illustration. Beide Perspektiven sind für uns eine Bereicherung: neue Handschriften, neue Blickwinkel, neue Bildlösungen.

Laut offizieller Definition sind Unwörter „Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Es geht nicht um schludrigen Sprachgebrauch, sondern um unsere Gesellschaft, die sich durch die Sprache offenbart.“ Mit unserer visuellen Expertise übersetzen wir diese Themen in Bilder und schaffen eine Plattform für Gespräche – über Sprache, Fotografie und das, was dahinter liegt.

So entsteht jedes Jahr eine Ausstellung zum vorgegebenen Begriff. Unabhängig von Jury, Sponsoren oder Medien präsentiert jede:r von uns ein Bildpaar, das das jeweilige „Unwort des Jahres“ individuell interpretiert und visualisiert. Eine konzeptionelle Ausnahme bildet die Arbeit von Jens Steingässer: Sie integriert – neben seinem eigenen Bildpaar – ein zusätzliches Motiv von Paula Steingäßer.


Die Unwort-Bilder-Ausstellung präsentieren wir jedes Jahr an einem anderen Ort in Darmstadt. In diesem Jahr sind wir zu Gast im Foyer des ehemaligen BuchPartner-Gebäudes – in einem Teil der Stadt, den man lange nicht selbstverständlich mit Kunst und Kultur verbunden hat. 

Doch das verändert sich. Über die Jahre ist hier ein Quartier entstanden, das sich stetig weiterentwickelt. Dazu gehören Orte wie die Galerie Kurzweil, ein urbaner Treffpunkt für Kunst, Kultur & Musik, und das Kunstdepot der Stadt Darmstadt – ebenso wie Bars, Cafés und Plätze des Zusammenkommens. Mit dem Viertel verbinden auch wir Ausstellungsgeschichte: „Lügenpresse“ in der Galerie Kurzweil und vor fast 20 Jahren im Room106 „Freiwillige Ausreise“. Und man spürt: Hier wird ausprobiert, produziert, gezeigt – mal dauerhaft, mal als Pop-up; vom Haus für Industriekultur bis zum „Amt für künstlerische Vermessung“, von Tonstudios bis zu temporären Formaten.

Kurz: ein Viertel, in dem etwas passiert. Danke, dass wir hier sein dürfen.

Dass wir diese Ausstellung realisieren können, verdanken wir auch der Unterstützung unserer Sponsoren. In diesem Jahr begleiten unser Projekt die Bürgerstiftung, die Sparkasse, die HEAG Kulturfreunde, die AXA Versicherung und Frau Katja Gellert de Epes mit der Galerie an der Stadtmauer. Besonders dankbar sind wir für das Vertrauen: Bei ihrer Zusage kennen sie meist weder das kommende Unwort noch unsere spätere Umsetzung; trotzdem ermöglichen sie in diesem Jahr diese Arbeit. Dafür danken wir sehr.

 
 
 
 
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Un|wort, das

unschönes, unerwünschtes Wort (vgl. Duden)

Schon im Wörterbuch der Brüder Grimm sei ein „Unwort“ als „böses, beleidigendes Wort“ beschrieben. Es gibt keine per se ‚bösen Wörter‘. Aber es gibt Einstellungen, Absichten und Situationen, die ein Wort belasten. Wer die Sprache kritisiert und die Sprecher schont, schlägt ebenfalls nur den Sack anstelle des Esels. Es sei die Haltung, die ein „Unwort“ hervorbringe. Dieses zeichnet sich durch grobe Verzeichnung der Realität und darin womöglich noch durch Verletzung der Menschenwürde aus.

Zitate von Germanistikprofessor Horst Dieter Schlosser, Stern online am 18.01.2005